|
..Datenschutz | Kontakt | Impressum
 | 
Ausstellungen

Rede von Thomas Cleve



Heute passieren zwei Dinge gleichzeitig: Eine Galerie wird eröffnet und ebenso eine neue Ausstellung. Und in diesem speziellen Fall ist das heutige Ereignis hier ein höchst seltenes: Der Galerist Reinhard Stammer stellt Reinhard Stammer aus. Was in aller Welt, mag sich der engagierte Kunstmarktteilnehmer fragen, was in aller Welt lässt ihn  diesen Schritt gehen?

 Dazu ein kleiner Abstecher in die reale Welt der bildenden Kunst und deren Bedeutung.

- jährlich verlassen zwischen 1100 und knapp 1500 Personen die deut­schen Kunstakademien

- derzeit geht der BBK von 20 000 freischaffenden bildenden Künstlerinnen und Künstlern aus.

- Deren Durchschnittsjahreseinkommen liegt im mittleren Alter bei 11.000 EUR.

Der Masse an freien Kunstschaffenden stehen in Deutschland einige Angebote und stützende Institutionen gegenüber:

- Galerien: Die Gesamtzahl der Galerien wird auf mehr als 2000 ge­schätzt. Im BVDG sind derzeit 310 Galerien organisiert.

- Kunstvereine: Insgesamt geht man von einer Anzahl von 350-400 Kunstvereinen aus. Die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Kunstvereine zählt 229 Mitglieder. Nur diese Kunstvereine alleine stellten laut ihrer letzten Erhebung im Jahr 2002 8000 Künstlerinnen und Künstlern in 1400 Ausstellungen aus.

- Die Ausstellungen

Das Belser Kunstquartal hat im Durchschnitt 4250 Einträge, d.h. man kann davon ausgehen, dass im deutschsprachigen Raum monatlich gut 1400 Ausstellungen stattfinden. (Im Vergleich dazu, waren es in den 90er Jahren nur 925 Ausstellungen.)

Das sind 45 am Tag. Der Kunsttag beginnt in der Regel um 17.00 Uhr Jetzt ist es kurz nach 7, So sind wir heute ungefähr die 37ste Ausstellung die eröffnet wird.

- Im deutschsprachigen Raum gehen wir von etwa 12 Kunstmagazinen aus

- Die überregionalen Tageszeitungen mit Feuilletonseiten sind knapp 30 an der Zahl.

Legen wir also unserem kleinen Zahlenspiel 20 000 freischaffende bildende Künstlerinnen und Künstler zugrunde. Diesen stehen etwa 2400 Ausstellungsinstitutionen gegenüber, also ein Verhältnis 1: 8.

Was also spricht dafür mit einer neuen Galerie in einen Bereich einzubrechen, dessen Eingang dicht belagert ist und wo die Kriterien der Eingangskontrolle wechseln wie die Mode ihre Farben? Was ist denn eigentlich Kunst? Drängt sich da als Frage auf.

Haimo L. Handl schreibt: „Kunst als Tätigkeit, Kunst als Artefakt, Kunst als Ware, Kunst als Aufgabe, Kunst als Berufung, Kunst als Erziehung, Kunst als Religion oder Philosophie etc. Was wir heute geneigt sind als Kunst zu bezeichnen, war nicht Kunst in früheren Zeiten oder ist nicht Kunst in anderen Gesellschaften und Kulturen. Der Kunstgewerbler ist nicht weit entfernt vom kunstlosen, aber meisterlichen Handwerker im Mittelalter, der seine Tätigkeit nie und nimmer als "künstlerisch" verstand, wie wir den Begriff gebrauchen wollen. Der afrikanische Schnitzer im Kongo wusste oder weiß nichts von Kunst, solange er, seine gesellschaftliche Rolle erfüllend, Kultgegenstände erzeugt, die zwar nicht simple Waren sind, aber worin er nicht seine Individualität ausdrückt, gar nicht ausdrücken will. Der Artist, der am Markt seine Werke als Waren vertreibt, ist ähnlich dem bewusstlosen Manufakteur, der sich nur nach den Aufträgen richtet. Wann ist also wer weshalb und worin Künstler, und wann sprechen wir vom Kunstwerk?“

Nach heutiger Erklärung ist das Unterscheidungs-Kriterium zwischen Kunst und Kunsthandwerk der Gebrauchswert. Kunst darf keinen Gebrauchswert besitzen. Kunsthandwerk sehr wohl.

Fall aus der Praxis Die Marionette: Bildende Kunst? Darstellende Kunst? – Bespielbarkeit = Kunsthandwerk

Wie theoretisch dieser Disput ist, wie wenig fruchtbar für den Künstler, zeigt sich immer dann, wenn sich die Existenzfrage für den Künstler oder die Künstlerin stellt.

Und die stellt sich leider allzu häufig.

„Wenn man den Begriff: Kunst um der Kunst willen bewusst beiseite legt, ist, die wichtigste Funktion der Kunst ihr Warencharakter. Weil nur Waren am Markt vertrieben werden können, weil nur Waren geschäftstauglich sind. Geschäft mit Nichtwaren ist unmöglich. Die Vermarktbarkeit bedingt den Warencharakter. Das ist den Künsten auch nicht abzusprechen. Es ist aber eine Frage der Verhältnisse, wie weit und rigide der Warencharakter geht oder gehen muss, um "bestehen" zu können, um bedeutsam im Sinne von "wirksam" zu sein. Es gibt aber auch einen anderen Aspekt zu beachten, den der Künstler als Produzent, der nicht immer im Sinne des Warenherstellers Kunst kreiert und sich nicht unbedingt und immer nach Marktgesetzen "vernünftig" orientiert. Wäre Kunst eine übliche Geschäftigkeit, müsste sie, sich vor allem wirtschaftlich organisieren. Das ist nicht nur nicht der Fall, sondern soll es auch nicht sein. Weil Kunst kein Gewerbe sein muss, weil man Künstler sein kann, berufen, aber nicht unbedingt als Beruf, rettet sich Kunst eine Domäne, die sonst nur noch im Privaten existieren kann.“ Fast eine Quadratur des Kreises.

Um die eingangs gestellte Frage weiter zu beantworten, ist es von nicht geringer Bedeutung zu sehen, welche Aufgaben ein Galerist heute hat, welche Aufgabe Reinhard Stammer also zu übernehmen gedenkt.

„Der Galerist ist gezwungen, einen Spagat zwischen dem wirtschaftlich orientierten Einzelhändlern und der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst zu machen. Galerien sind so genannte Erstaussteller oder "Gatekeeper" von Künstlern, indem sie Künstler als erste präsentieren und in den Kunstmarkt einführen. Diese Aufbauarbeit der Galeristen erstreckt sich in der Regel über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, bis ein Künstler so weit auf dem Markt etabliert ist, dass der Galerist Gewinn erwirtschaften kann. Diese lange Zeit der Investition wird vom Galeristen allein getragen und begründet dessen großes finanzielles Risiko. Um über diesen langen Zeitraum hinweg den Ertrag zu sichern, schließen Galerien häufig einen Exklusivvertrag mit den Künstlern ab.“

Reinhard, ich gehe mal davon aus du hartnäckig mit deinem Künstler verhandelt hast und als Künstler gebe ich dir den Rat: Lass dich bloß nicht von deinem Galeristen über den Tisch ziehen!

„Da die Galeristen das gesamte unternehmerische Risiko tragen, sind Atelierkäufe und Nichtnennungen bei Ausstellungen bzw. Nichtbeachtung durch die Öffentlichkeit eine ernsthafte Bedrohung der Existenz von Galerien, die einen Großteil der Kunstvermittlung in einer Stadt durch ihre Ausstellungsarbeit und die Förderung von Künstlern leisten.“

Das ist ein Zitat (Uni Stuttgart) gewesen und es klingt so herrlich selbstlos, dass man vermuten kann es stammt vielleicht vom Bundesverband Deutscher Galeristen. Eine Ehrwürdige Standesorganisation die rund 15% der Galerien in Deutschland angehören.

Reinhard, wenn du mal zugehören möchtest: Dann musst du 3 Jahre überstehen und zwei Mitglieder vorweisen können, die dich zur Aufnahme empfehlen. Und wahrscheinlich musst du dich erfolgreich vermarktet haben.

Wir haben nun einige sachliche Grundlagen gestreift um die Frage von oben zu beantworten. Aber haben wir nun die Antwort?  Pause

Ich könnte wohl noch 10 Seiten vorlesen und den Bannstrahl vieler Worte den Einfluss der Rahmung oder Nichtrahmung auf das Sujet eines Werkes richten und wir kämen nicht weiter.

Um wirklich zu Ergründen warum heute Stammer Stammer ausstellt. Muss man sich dem Künstler und Galleristen selbst zuwenden. Das hätte ich natürlich schon früher tun können, sicher, aber dann hätte ich ihnen nicht erzählen können, auf was alles Interessante ich bei der Vorbereitung auf diesen Text gestoßen bin.

Wer ist also dieser Stammer, der malt und nun auch noch verkaufen will?

Geboren und aufgewachsen ist er in Glücksburg. Seit frühester Kindheit, hat er das, was ihn bewegte in Bildern ausgedrückt. So kann ich auch rückblickend sagen: Gemalt hat er immer. Auf dem Pult in der Schule, auf Zettel, auf Pappe auf Stoff und irgendwann auch auf Leinwand

Und ich habe gerade vorhin noch  seine Kindermappe gesehen: Die Motive, die Beweggründe wiederholen sich. Sie haben ihn sein ganzes Leben festgehalten. Es sind auch heute noch dieselben. So profan es klingen mag, so schwer ist es zu beantworten – für ihn, für uns für alle.

Der eigentliche Bewegrund der Bilder von Reinhard Stammer ist die Suche nach dem Sein, der Herkunft, der Energie, der Lebensenergie oder kurz gesagt – die Suche nach der Existenz.

Und so betrachtet sind Reinhard Stammers Bilder fast immer existenzielle Bilder. Das werden Sie , liebe Gäste, nachvollziehen können, wenn Sie den Rundgang durch die Galerie bereits gemacht haben oder wenn sie ihn noch machen werden.

Sich nun aber den Künstler allerdings nur als Pinsel- und Stift bewehrten Maler vorzustellen, wäre zu kurz gegriffen. Sie finden in den Räumen zwischen den Bildern weitere, die Sie nicht sehen sondern nur ahnen können. Es sind „Aliase“ oder ungemalte Bilder ( eine Ausleihe aus Seebüll ohne inhaltliche Anlehnung.)

Ein solches Bild darf ich Ihnen eben mal zeigen:
Es trägt den Titel
„Die Begegnung“
Nach unendlich langer Zeit,
nach Ewigkeiten,
trafen wir uns
unter dieser Laterne wieder.
Wir schlossen uns so fest in die Arme,
dass eine abermalige Trennung unmöglich schien.
Wir verschmolzen in leidenschaftlichem Verlangen miteinander.
Tief in Deinen allwissenden Augen
sah ich Universen glühen.
Dann verloren wir einander wieder.
Das Entsetzen darüber war grenzenlos.
Und die Nacht wollte ohne uns kein Ende nehmen.
In verzweifelter Sehnsucht nach Dir,
verzehrte ich fast alle meine Energien.
Sterne und Galaxien,
Leuchtfeuer aller Art,
die ich noch mit letzter Kraft,
geboren aus dem brennenden Verlangen nach Dir,
in der Dunkelheit anzuzünden vermochte,
erhellten die Nacht,
um Dir den Weg zu mir zu weisen.
Seither warte ich auf Dich.
Mit jedem verstrichenen Äon, sterbe ich schneller,
mit der unstillbaren Sehnsucht,
in meinem gebrochenen Herzen,
noch einmal,
unter jener Laterne,
tief in Deinen allwissenden Augen,
die Universen glühen zu sehen

Oktober 1990

 

Reinhard ist  sensibel und so reagiert er auch auf die Zukunftsplanung: Künstler oder Handwerker. Was will er sein – was soll er sein. Das brachte in ihm einen von ihm nicht lösbaren Widerspruch hervor. Und so nimmt er Rauschgift. Es folgt die klassische Laufbahn eines Junkies inkl. Rückfall, die sich jeder auszumalen vermag.. Aber durch einen Zusammenbruch, der ihn an den Rand der Hölle katapultierte, gelangte er nach reichlich vergangener Zeit zum Kulminationspunkt der Bewusstwerdung dessen, was da um ihn und in ihm abläuft. Er wurde Clean aus eigener Kraft.

Und dann, haben wir uns kennen gelernt. Revolutionäre wollten wir sein:

Einen Aufsatz zum Fortgang der russischen Revolution überschrieb Lenin einmal mit „Zwei Schritte vor - einen zurück“. Diese besondere Form der Bewegung gehört rein mathematisch zur Kategorie Fort – Bewegung und kann somit als Ziel führend angesehen werden. Wenn auch nicht besonders ökonomisch. Das wäre allerdings überhaupt nicht typisch für Reinhard Stammer. Im Gegenteil eher heißt es für ihn 3 Schritte vor und keinen zurück. So ist er immer wieder um etliche  Schritte voraus.

Ging es um Streit in der Schule: Stammer hatte die radikalste Argumentation. Ging es um eine Auseinandersetzung mit der Staatsmacht - in Person beispielsweise HPW Sturm: Reinhard stand vorne. Vorteil: Die Polzeimütze war die Seine. Nachteil: Der Knüppel aufm Kopp auch.

Ging es um Rohware für den Schilderverkauf war Reinhard schnell und einfallsreich. Besonders bei der Beschaffung und in der Logistik.

Es war der Grundstein zu seinem heutigen Unternehmen. Es bleibt wenig Zeit zum Malen – auf der Leinwand. Zeit zum Malen im Kopf war immer da. So war es nur eine Frage des Impulses, wann wieder neue Bilder entstehen werden. Dieser Impuls kam und er kam von außen. Vieles, was diesem Impuls folgte sehen sie heute hier.

Nicht jedes Bild erschließt sich dem Betrachter aus und für sich. Einige seiner Bilder können, ja müssen gar ohne Kontext gesehen werden, bei anderen wiederum ist es gut, wenn man weiß, wie und warum sie entstehen: Das sagt Ihnen der Künstler am Besten mit seinen eignen Worten:

Meine Bilder entstehen ohne Absicht und ungewollt; ohne vorgegebenes Ziel und Inhalt.

Wenn sich Energie durch mich in meinen Bildern entladen kann, ohne dass ich irgendetwas dazu beigetragen habe, läßt SIE oder ES mich irgendwann- und meistens sehr schnell spüren: es stimmt - es ist gut so.

Ende des Malvorgangs.

So entstehen durch meine Hand Bilder, die nicht ich geschaffen habe: Sie entstehen spontan und impulsiv aus unbekannten Tiefen meines Seins und ich nenne diesen Prozess: PURE ENERGY

Ach ja, und nun noch die Antwort auf die Frage

Was in aller Welt bewegt Stammer Stammer auszustellen…

Ein Künstler will leben, am besten aus eigener Kraft, dazu verkauft er das, was er geschaffen hat. Bilder. Und das tut er dort wo Waren verkauft werden – nämlich auf dem Marktplatz. Und er Marktplatz für den Künstler ist die Galerie und die Ausstellung.

Wie ich aber oben erwähnte bekommt seine Kunst durch diesen Akt plötzlich einen Gebrauchswert (der verdienst) und schwupp di wupp – ist es keine Kunst mehr. Das wollen wir aber beileibe nicht.

Gottlob gibt es einen Ausweg: Hat nämlich das Bild (mit Gebrauchswert) den Weg in Ihr Heim gefunden und hängt es dort an exponierter Stelle. Dann ist es wieder zur Kunst geworden, wie ihnen jeder Besucher bei ihnen gern bestätigen wird... Sie haben dem Bild dadurch, das Sie es als Kunst betrachten und behandeln den Gebrauchswert wieder entrissen und es so wieder zur Kunst gemacht...

Nun fragen sie mich aber bitte nicht: Ja wie kommt denn ein Stammer zu mir nach Hause? Ich bin mir sicher die Lösung fällt ihnen sofort ein.

Mit einem gedenkenden Zitat von Max Pechstein aus den 50iger Jahren darf ich Sie nun in die Ausstellung Pure Energy III von Reinhard Stammer und in die Galerie Pure Energy von Reinhard Stammer entlassen:

"Arbeiten! Rausch! Gehirn zerschmettern! Kauen, fressen, schlingen, zerwühlen! Wonnevolle Schmerzen des Gebärens! Krachen des Pinsels, am liebsten Durchstoßen der Leinwände. Zertrampeln der Farbtuben. Körper? Nebensache. Gesundheit desselben? Kann man erzwingen. Es gibt keine Krankheit! Nur die Arbeit und noch mal sei's gesagt, gesegnete Arbeit! Malen! Wühlen in Farben. Wälzen in Klängen! ..."

Rätseln sie mit!

Vielen Dank!


Thomas Cleve,
Vorsitzender des Hohenloher Kunstvereins, [+] anlässlich der Vernissage Pure Energy III  und der Galerieeröffnung Pure Energy am 03.06.2005