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Ausstellungen

Rede von Uwe Lempelius



Reinhard Stammer hat keine Kunsthochschule besucht. Er ist Autodidakt oder wie viele sagen würden: ein Sonntagsmaler. Ein Sonntagsmaler, der seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Ich selbst bin nun schon 76 Jahre alt und habe viele Künstler kennen gelernt, aber ich habe noch niemals zuvor einen Maler erlebt, der sich so frei und ausdrucksstark in seiner Kunst auslebt. Vielleicht ist diese Fähigkeit der Tatsache geschuldet, dass er eben keine universitäre Ausbildung durchlaufen hat und sich alles im Laufe seiner 56 Jahre selbst beigebracht hat, ohne von scholastischen Doktrinen behindert worden zu sein.

Soviel zu den allgemeinen Aspekten der Kunst von Reinhard Stammer.

Nun die Ausstellung heute:

Reinhard Stammer zeigt eine Ausstellung mit einer großen Anzahl von Bildern, die sehr unterschiedlich sind. Ganz selten sieht ein Bild aus, als sei es gegenstandslos, doch bei den meisten Bildern denkt man an expressionistische Stilrichtung. So möchte ich als erstes das Bild , aus dem Jahr 2007, „Kann so ein Mann unschuldig sein?“ nennen. Schwarze Farbe umhüllt das Gesicht, viele Formen sind einfach selbstständig auslaufende Farben in einem aufrecht stehenden Bild. Würde das Bild, bei seiner Entstehung, auf einer Tischfläche liegen, würden die Farben auf andere Weise Farbformen bilden und nicht Tröpfchenweise herunterlaufen. Man sieht zwar, dass ein Kopf dargestellt ist, aber nicht in dem Sinne einer konkreten Abbildung.


Stammer malt auch Bilder allein mit schwarzer Bitumen Farbe. Ein 1 Meter hohes Bild, mit dem Titel: „Lebensbaum“ lässt den Betrachter an eine lebende Standform denken. Man sieht eine figur- oder aber auch baumartige Form . Bewegungen sieht man an der Form: kleine Punkte scheinen sich um die Figur herum zu bewegen.


Ein weiteres Figurgebilde ist die 120 cm hohe „Belladonna“. In der oberen Mitte ist der Kopf der Belladonna zu sehen- typisch die weitaufgerissenen Augen! , doch die weiteren Formen, die um den Kopf herum das Bild bestimmen, kann man nicht mit der Wirklichkeit in Verbindung bringen. Ohne Kopf würde man das Bild als Darstellung einer abstrakten Figurengruppe auffassen.


Neun Figurengebilde sieht man in dem Bild „ Götterdämmerung oder bin das alles ich?“

Der Hintergrund ist bestimmt von einer großen, als Sonne zu erkennenden Gesichtsform, die keine andere Farbigkeit zeigt, als die des Hintergrundes. Jede Figur hat ihre eigene Farbigkeit, mal rot, mal blau, orange und grün. Die Blickrichtungen gehen immer in unterschiedliche Richtungen. Es sind natürlich keine wirklichen Selbstdarstellungen des Künstlers, allerdings war er sehr erstaunt, dass jede Figur in irgend einer Weise, einen Abschnitt seines Lebensweges zu charakterisieren schien.



Auf blauem Grund sieht man den „Kleinen Vogel“. Dieses 1 m hohe Bild in diesem Jahr entstandene Bild, stellt eine Figur vor großem , blauem Grund dar, in roten Strichen mit einigen kleinen schwarzen Flecken. Stammer lässt immer sehr unterschiedliche Kompositionsformen entstehen.

In dem Bild „Landscape oder der verlorene Koffer“ sieht man eine im ganzen Raum zerstreute Figurengruppe. Mal nackt, mal blau, mal gelb. Mittendrin einen kleinen schwarzen Koffer und die Hintergrundfläche ist oben gelb und weiter unten grau. Die Farben gehen ineinander über. Die Figuren bewegen sich unterschiedlich; mal laufen sie, mal stehen sie still. Eine Figur hat einen Ball in der Hand.

Hierzu befragt, sagte der Künstler, dass dies eines, seiner Meinung nach, ausdrucksstärksten Bilder ist. Ausdrucksstark deswegen, weil es den Betrachter nicht mit den in diesem Bild befindlichen Grausamkeiten überfordert. Es ist eine Szenerie, wie wir sie tagtäglich durch Radio und Fernsehen vorgeführt bekommen. Ein klare kalter Himmel, in dem die Sonne scheint und der von einigen Vögeln durchflogen wird. Dann, man erkennt in dieser Idylle plötzlich eine schwarze Hure mit weit geöffneten Beinen. Ein kleiner spielender Junge wird hinterrücks von einem dunklen Monster vergewaltigt, einem Mann wurde offensichtlich der Arm abgehackt, wobei dieser wohl seinen Koffer verloren hat. Ein Vogel legt ein Ei und eine Katze beobachtet eine Maus. Alles wird von einem götterähnlichen Kopf neutralisiert.

Landscape oder der verlorene Koffer. Stammer hat uns hier das Leben vorgeführt, in dem selbst die grausamsten Geschehnisse, in einer kalten aber ruhigen Landschaft, zur Bedeutungslosigkeit reduziert werden


„Femme fatale am Strand“ ist eine surrealistische Darstellung eines weiblichen Wesens, das zu einer einfachen Körperform reduziert wurde. Einen Kopf kann man nicht erkenn, bei den Brustwarzen denkt am eher an zwei Augen dieses weiblichen Wesens.


Auch großformatige Bilder sehen wir in dieser Ausstellung. Das Bild „Adelante“ aus dem Jahre 2008, misst in der Breite 2,60 m. Es ist voller Formen. Man erkennt in der linken Seite eine große Figur, aber nur in wenigen schwarzen Strichen, die alles andere als realistisch sind. Der Raum ist voller Formen, die man als Darstellung von Objekten auffasst. Rechts scheint ein großes Sofa zu stehen, doch sollte man das Bild auf den Kopf stellen, so würde man die Gegenstände der Einrichtung nicht erkennen, sondern nur abstrakte Formen auffassen.


Das Bild „Am Strand“ von 2007, 120 cm hoch, zeigt ebenfalls seltsame Wesen, die man nicht mit der Wirklichkeit in Verbindung bringen kann, aber alle Formen sind gut in der Bildfläche verteilt, in der Mitte sehr konzentriert, dass man nicht genau erkennen kann, um was für Wesen es sich hier handelt. Sieht man allein auf die untere blaue Fläche, so assoziiert man anfangs einen Körper einer Frau, unten scheinen zwei Füße dargestellt, doch sieht man länger hin, so assoziiert man diese Form mit einer Unterlage auf dem Strand. Der Erdbereich ist eindeutig erkennbar, endet oben an einer blauen Fläche, die man sofort mit Himmel in Verbindung bringt, zumal ein Gestirn wie eine Sonne zu sehen ist. Unten links sieht man ein Wesen mit einem runden Kopf, und der Körper ist dünn wie ein Strich und man erkennt ohne Zweifel zwei Formen als Arme und Beine. Aber man kann das alles nicht als eine realistische Darstellung auffassen.

Stammer hat hier mit verschieden Materialien gearbeitet, die er in die Bitumenmasse geklebt hat. Es ist eine Art moderner Kollage.

Das „Sad Girl“ ist eine einfache stehende Figur, bei der das „Traurige“ dadurch erkennbar ist, dass die Augen fast geschlossen wirken und zwei Striche von ihrem rechten Auge als Tränen aufgefasst werden.

„Die einsame Honigbiene“ ist ein Bild, das wieder an die Formen der „Adelante“- Darstellung erinnert. Viele Formen füllen das Bild und ganz oben, kaum sichtbar, sieht man die „ Honigbiene“ in wenigen Strichen dargestellt. Das Bild ist sehr farbig, der Hintergrund besteht aus strahlendem Gelb.

Das Bild „Symphonie“ dagegen zeigt alles nur in Strichformen, die aber durch weiche Übergänge und wenigen farbigen Resten bestimmt sind.

Die 1,20 m hohe Vogelfrau ist ein seltsames Wesen. Sie ist blau und die Darstellung der Frauenbrüste soll ihre Weiblichkeit unterstreichen. Natürlich reizt ein solches Bild den Betrachter durchaus zum Schmunzeln. Nicht klar wird, was sie für einen Behälter vor sich hat. Man kann frei assoziieren. Und gerade das ist es immer wieder: Was meint Stammer, wenn er mit solchen Ungereimtheiten konfrontiert. Alle Formen seiner Bilder assoziiert man immer wieder auf persönliche und freie Weise. An keiner Darstellung in Stammers Bildern, kann man eindeutige Schlüsse ziehen und gerade das ist das Interessante an seiner Malerei.

Man fragt sich immer wieder: „ was meint er wirklich?“.

Es sind Bilderträume. Ein Bild aus dem Jahre 2007 zeigt viele offene Figurenformen- aber keine ist realistisch, eben nur träumerisch.

Und nun betrachten Sie ganz unvoreingenommen die vielen Bilder dieser Ausstellung und fangen sie an zu träumen.