Leseprobe Chronik 1990-2005

Wellen schlagen ans Ufer.
Sternensysteme entstehen und vergehen.
Note reiht sich an Note.
Unerhörte kosmische Symphonie.
Worte türmen sich auf.
Gedanken in unendlicher Formation.
Stillgestanden.
Im Kreis gelaufen.
Wo fing alles an.
Nur dein Atem
Keuchend. fhuuh-fhuuh-fhuuh-fhuuh-fhuuh.
Und schon wieder haben die vorbeirasenden Weltzeitalter
die Programmgestalter vor schier unlösbare Aufgaben gestellt.
Der Fortschritt hat mittlerweile den ganzen Globus umspannt.
Entwicklungshilfe wird selbst den unzugänglichsten
und entlegensten Regionen gewährt.
Wer erinnert sich nicht der traurigen Jahre,
als wir via Satellit,
beim Frühstücksfernsehen,
den Armen dieser Welt, mit ihren aufgedunsenen Bäuchen
den ungewaschenen, von Fliegen umschwirrten Leibern,
beim Hungern zusehen mussten.
Manchmal blieb mir das Essen im Halse stecken.
dies ist nun anders geworden.
Selbst im hintersten Hinterland,
eines weit nach hinten abgeschlagenen Hinterlandes,
auf jedem staubigen Dorfplatz
in jeder schmutzstarrenden Hütte
steht heute ein Farbfernseher.
Damit ist erstmalig, so die aktuelle Geschichtsschreibung,
das Gefälle zwischen Nord und Süd, Ost und West,
Arm und Reich etc., nivelliert worden.
Nun können die hungrigsten unter den Hungrigen,
den sattesten unter den Satten,
via Satellit,
beim Essen zusehen,
so wie die sattesten unter den Satten,
den hungrigsten unter den Hungrigen,
via Satellit,
beim darben zusehen können.
Dies ist wahrhaft revolutionär.
Dies ist radikal.
Diese weltweite Verbundenheit,
via Satellit,
fördert das globale Erwachen und das Verständnis
für die Probleme Andersdenkender,
egal welcher Hautfarbe, Rasse oder politischer Gesinnung.
Landschaften in Blei gegossen.
Lichtperlen tropfen silbern von den Bäumen.
Ruhe breitet sich aus über den Feldern.
Behutsam erhebt sich der Mond über dem Horizont.
Erste Schneeflocken tanzen vor dem Fenster.
Hoch über den Wolken.
Stille.
In schweigendes Dunkel gehüllt.
Stille.
Reglos am Wegesrand.
Stille.
Eisblumen wachsen.
Atemlose Stille.
Grausames Ende einer Weihnachtsfeier.
Totenstille.
Gottes Schweigen verschluckt jeden Schrei.
Einfach nur fallen lassen.
Lautlos bist du an mir vorübergezogen.
Wortlos schaue ich dir hinterher.
Der Zeittunnel öffnet sich.
Wir können es nicht mehr ertragen.
Auf und davon.
3-jährige Kinder werden in Bosnien,
von serbischen Soldaten,
an der Haustür ihrer Eltern gekreuzigt..
Der Wind weht stärker.
Weite Landstriche versinken unter meterhohen Schneeverwehungen.
Und der Schnee verfärbt sich rot,
von dem Blut massakrierter Kinder,
geschändeter Frauen und gemeuchelter Männer.
Hungertote, Kältetote.
Grabesruhe.
Mir wurde bei meiner Geburt keine Spielanleitung beigelegt.
Sonderbar.
Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.
Müde döst die Katze vor dem warmen Ofen.
Wenn ich nicht gezögert hätte,
wäre mir der Ausstieg gelungen.
Nun sitze ich hier.
Alle Wege sind versperrt.
Von den Wänden bröckelt der Kalk.
Moose bedecken die Gehwegplatten.
Im Abendrot verglüht der lichte Tag.
Nacht breitet sich aschfahl aus über der schwachen Glut.
Erstickt.
Ein Raunen geht durch die Menge.
Noch niemals zuvor,
wurde ein so zukunftweisendes,
mit Vorschußlorbeeren, überreichlich gesegnetes Projekt,
auf so schmähliche Art und Weise beendet.
In den Morgennachrichten wird über Sinn und Zweck
derartiger Veranstaltungen spekuliert werden.
Obwohl die Zeit schon sehr weit fortgeschritten ist,
konnte das "Komitee zur Einhaltung der Zeit",
nicht der Versuchung widerstehen,
den allerneuesten Chronometer,
schon vor der Zeitenwende,
einem ersten Testlauf zu unterziehen.
Es traten Interferenzen auf!
Der Zeittakt konnte nicht mehr eingehalten werden.
Das Ticken der Uhren, das uns Sekunde für Sekunde,
Tag für Tag, Jahr für Jahr schenkte,
wurde durch den Gegentick,
des zu früh eingeschalteten Chronometers,
aufgehoben und alle Uhren stellten ihr Ticken ein.
Soll ich es als glückliche Fügung bewerten,
dass ich seit jeher auf das Tragen von Uhren verzichtet habe.
Somit war ich schon wieder der letzte,
der etwas zu berichten wusste.
Aber wie sollte ich jemandem,
für den die Zeit stehen geblieben war,
die historische Bedeutsamkeit meiner Chroniken verständlich machen?
Und so bleibt mir nichts weiter zu tun übrig,
als meinen Hut zu nehmen,
den Schreiber aus der Hand zu legen,
die CHRONIK VOM AUFGEHENDEN UNTERGANG zu beenden
und mich höflichst zu verabschieden.

Nun sind doch tatsächlich weitere 11 Jahre verstrichen.
Keine Zeile habe ich der Chronik hinzugefügt
und kaum einen Gedanken an sie verschwendet.
Viele Präsidenten sind inzwischen gekommen
und viele wieder gegangen
Die Regenwälder sind nicht größer geworden die Taifune aber.
Flugzeuge haben Wolkenkratzer zum Einsturz gebracht
und kleine Kinder räkeln sich weiterhin in ihren warmen Betten.
Und es gibt immer noch Menschen die glauben, dass es redlich sei,
sich den Tatsachen zu stellen, um sie gegebenenfalls zu verändern.
Wohl dem, der den Kopf in den Sand gesteckt hat.
Wüstensand - Sandvipern.
Des Tages Leerstellen werden heutzutage allerdings noch viel intensiver ausgefüllt.
Was soll man auch sonst mit ihnen anstellen?
Kann man sie sich selbst überlassen?
Vielleicht dehnen sie sich aus und verschlingen uns?
Schwarze Löcher lauern überall im Universum.
Und sollte dieser kleine Planet mit all seinen Geschöpfen eines Tages von einem dieser kosmischen Ungeheuer verschlungen werden,
findet sich hoffentlich ein beherzter Held,
der diese Chronik noch rechtzeitig hinaus
ins unendliche Weltall werfen kann,
damit sie vielleicht eines fernen Tages aufgefunden werden kann,
von einer uns heute noch vollkommen unbekannten Spezies,
um ihr behilflich zu sein, bei der Ausgestaltung
eines in ferner Zukunft liegenden Alltages.
Mit besten Grüßen und Wünschen für die Zukunft Euch Zukünftigen
die Ihr angesiedelt sein werdet in Galaxien deren Existenz kein Mensch jemals für möglich gehalten hätte.

Ach ja-
war da noch was?
Da war nichts mehr.
Kommt da noch was?
Nein, ich glaube nicht.
Das muss eigentlich schon alles gewesen sein.

 

Nun Leg Dich hin und ruh dich aus
Du altes Haus.
Wir werden nicht vergessen
wie Du besessen
hast geschrieben-
beseelt, von höchstem Anspruch angetrieben
mit Herzblut Zeil’ um Zeil’
als ging es um Dein Seelenheil
Blutleer nun Dein Hirn und fast schon tot
und draußen glüht das Morgenrot....


 
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