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Artikel sh:z 22.02.2010

Artikel Flensburger Tageblatt vom 22.02.2010

Rede Dr. Vöhringer

Ich heiße Sie recht herzlich in der Akademie Sankelmark zur Ausstellung "Lebensbilder" von reinhard Stammer, willkommen. Sie haben es vielleicht erkannt: wir haben die Ausstellung begonnen mit einem Song, den Frank Sinatra 1966 berühmt gemacht hat. Er trägt den Titel: "That's Life". Ich werde Ihnen die erste Strophe vorlesen:
“That's Life, that is what all the people say. You'll riding high in April, shot down in May, but I know I gonna change that tune, I will be back in  in June”.
Frei übersetzt: so ist das Leben, so sagen es die Leute. Du bist im April ganz oben, ganz unten im Mai. Wenn Du dann den richtigen Ton triffst, bist Du im Juni wieder ganz an der Spitze.
Meine Damen und Herren, ich habe den Titel nicht ausgewählt, weil wir beide ganz große Sinatra Fans sind, sondern ich habe mir gedacht, ich wähle eine ganz ungewöhnliche Art und Weise, um Sie zu begrüßen. Ich wollte Ihnen nicht vor Augen führen, dass die Akademie, als moderne Tagungsstätte, über die neuesten Medien, wie z.B. eine Stereoanlage verfügt. Nein, mir geht es vielmehr um den Bezug dieses Stückes "Thats Life" aus dem Jahre 1966 zu unserer Ausstellung, denn die Ausstellung von Reinhard Stammer, trägt ja den Titel: "Lebensbilder" und wie Ihnen aufgefallen sein wird, ist auf dem Ausstellungs - Flyer ein Bild zu sehen, das den Titel Genesis trägt und was anderes ist Genesis, als der Beginn der göttlichen Schöpfung, also des Lebens auf der Erde. Und dann gibt es noch einen weiteren Bezug, den man gut hier an der Galerie festmachen kann, und das war dann letzten Endes ausschlaggebend für mich, mit diesem Musikstück auf die Ausstellung anzuspielen, denn das  große Bild zu Ihrer linken Seite, trägt passender Weise den Titel: "That's Life". Außerdem und das ist dann ein weiterer und letzter Grund, warum ich sie mit Frank Sinatra begrüßen wollte, Reinhard Stammer bezeichnet seine Bilder selbst als „eine lebendige Sprache mit Vokabeln und mit Stimmen, mal laut mal leise, mal unschuldig und kultiviert“.
Meine Damen und Herren, sie wissen, dass die Akademie Sankelmark nicht nur eine Bildungs - und Begegnungstätte ist, sondern sich auch als eine Art Forum für Künstler aus dieser Region versteht, gewissermaßen eine ständige Erinnerung daran und darauf verweise ich immer gerne:
In unserem Foyer hängt ein Bild , das die Stadt Flensburg zeigt und das von der bekannten Flensburger Künstlerin Käte Lassen gemalt worden ist und so haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, Künstlern aus der Region des nördlichen Schleswig Holstein, hier eine Art Forum zu geben und Reinhard Stammer ist ein solcher Künstler. Er ist im Jahre 1952 hier in der Region geboren. Herr Stammer malt seit seiner Kindheit. Er träumte, wie er dies offen in einigen Interviews geschildert hat, von einer Künstlerkarriere, orientierte sich aber anders und gründete einen Verlag.
Reinhard Stammer ist , im besten Sinne des Wortes, ein Autodidakt. Der Begriff geht auf den Philosophen, Aphoristiker, Schriftsteller und Dichter  Lichtenberg zurück. Und es ist gut so, dass es in der Kunst Autodidakten gibt. Ich nenne  als Beispiel die Maler der Brücke, die eigentlic Architekten waren oder den malenden Zöllner Henri Rousseau und will in diesem Zusammenhang den bekannten Kunstkritiker Uwe Lempelius zitieren, der auch im Rahmen einer Ausstellung von Herrn Stammer bemerkt hat: Nicht die Tatsache, dass man Kunst studiert hat, ist eine Garantie für die Qualität der gemalten Kunstwerke, sondern allein die Art, wie man die Kunstwerke malt. Auch durch das Studium der Literatur, wird man nicht zum Schriftsteller.
Vor einigen Jahren dann, entdeckten Freunde von Reinhard Stammer, die hohe Qualität seiner Bilder und seither, gewissermaßen als Spätberufener, malt er ohne Unterlass - und intensiver als je zuvor. Seit 2002 hat er sein Malen forciert und 2006 ist er für 2 Jahre nach Mallorca gegangen. Ich bin im letzten Jahr auf Mallorca gewesen und bin erstaunt gewesen, wie hoch die Zahl der Galerien ist, die es in der Hauptstadt der Balearen gibt und ich finde es bewundernswert, dass Herr stammer, bei der starken Konkurrenz, die es dort gibt, es geschafft hat dort in einer der renommiertesten Institutionen in der Hauptstadt der Balearen auszustellen. Ich fühlte mich etwas an Dürer erinnert, als Sie mir dies erzählten, der, als er 1505 nach Venedig kam, die Empfehlung von Freunden erhielt, dass er aufpassen sollte, um nicht von den Künstlerkollegen vergiftet zu werden, da die Konkurrenz in Venedig sehr hoch sei.
Herr Stammer ist wohlbehalten zurückgekehrt und so können wir heute die Ausstellung in der Akademie Sankelmark eröffnen.
Meine Damen und Herren, sicherlich haben sie beim Gang durch die Ausstellung, schon einige erste Eindrücke von den mehr als 50 Ausstellungsstücken gewinnen können und werden mir vielleicht zustimmen, wenn ich feststelle, dass Herr Stammer ein Künstler ist, den man so leicht nicht einordnen kann. Unter seinen Bildern finden sich vollkommen abstrakte Bilder, aber auch figurative. Wir finden Bilder, die hell und fröhlich anzusehen sind, aber auch traurige Gemälde, wie z.B. Sad Girl. Wir entdecken kleine Formate, aber auch solche, von einer Größe, wie wir sie hier in Sankelmark noch nie gesehen haben. Wir entdecken Bilder in barocken Rahmen, wo wunderbar zusammenwächst, was eigentlich gar nicht zusammengehört, denn moderne Malerei und barocke Rahmen gehören eigentlich nicht zusammen, aber bei Herrn Stammer ist der Gegensatz aufgelöst.
Wenn Sie sich bitte diese schönen Bilder anschauen würden. Man entdeckt immer wiederkehrende Zeichen, wie z.B. Kronen, Figuren, Gesichter, Augen. Strichmännchen, Farben von hoher Expressivität. Ich denke an das Bild Monument, wo Herr Stammer ganz bewusst eine schwarze, dunkle Fläche, vor einen orangefarbenen Hintergrund gesetzt hat. Manche Bilder sind mit feinem Pinselstrich gemalt, manche mit einem breitem, kräftigen, sogar groben Strich. Es gibt Bilder, die auf schwarze Linien reduziert sind und an chinesische Kaligrafien erinnern, aber es gibt auch  ein pastellfarbenes Bild, Femme Fatale am Strand, das ein wenig an Salvador Dali erinnert.
Wenn man das erste Mal eine Ausstellung besucht, dann hat man meist, bevor ein Kunsthistoriker oder Redner das Wort ergriffen hat, eine Reihe von Eindrücken und man zieht unbewusst Vergleiche mit Künstlern die man bereits kennt. Mir jedenfalls ging es so. Ich bin durch die Ausstellung gegangen in den letzten Tagen, hab ein bisschen geschaut und mir kamen Namen in den Sinn, wie den des jung verstorbenen Graffiti Künstlers Jean Michel Basquiat, ich dachte an den DDR Maler Penk, Chagall, Pollock, Klee, Picasso und Dali. Nun ist es eine Eigenschaft der Kunsthistoriker, alles einzuordnen. Sie schaffen ismen, schaffen Strömungen und sehen manchmal mehr, als eigentlich zu entdecken ist und haben daraus eine regelrechte Profession gemacht. So dachte ich, als ich die Bilder von Herrn Stammer sah, generell über den Gang der abstrakten Malerei nach. Mir kamen Stichworte in den Sinn wie Neoexpressionismus, Action Painting, Tachismus, Junge Wilde, ohne dass ich das weiter erläutern will. Und hier ist einmal Einhalt geboten, denn das was ich gerade getan habe, ist im Grunde sehr gefährlich, gefährlich deshalb, weil man gute Kunst einmal zuerst aus sich selbst heraus verstehen muss und Herr Stammer sich keiner Stilrichtung unterwirft. Eigentlich ist es doch „nur“ so, dass es drei Entstehungsweisen von Bildern gibt. Bei der ersten erscheint das Bild vor dem tatsächlichen  Auge des Künstlers und der Künstler erschafft davon dann ein Abbild. Bei der zweiten Entstehungsweise hat der Künstler ein geistiges Bild vor seinem geistigen Auge und setzt das dann in ein Kunstwerk um. Und dann gibt es noch eine dritte Weise, wie ein Kunstwerk entstehen kann. Da entseht ein Bild erst während des Schaffensprozesses. Der Künstler weiß noch nicht wie das Bild aussehen wird. Herr Stammer gehört zu jener dritten Kategorie, wie Kunst entstehen kann. Gefühle und Spontaneität  sind bei Herrn Stammer wichtiger als Perfektion, Vernunft oder Reglementierung. Er versucht unbewusste Empfindungen, unter Vermeidung rationaler Kontrolle, auf die Leinwand zu bringen. Er verzichtet weitgehend auf festgelegte kompositorische Regeln. Für ihn steht die Aktion des Malens selbst im Mittelpunkt, die Spontaneität des Schaffensaktes und der Ablehnung einer bewussten, vorher geschaffenen Formgestaltung. So erfindet er eigene Zeichen, schafft neue Strukturen durch Hinzufügung neuer Materialien, durch die Anordnung der Farben. Seine Bilder sind nicht im vornherein konzipiert. Sie sind im positiven Sinn Phantasiegebilde, entstanden aus Stimmungslagen, aus dem Malakt selbst, neu erfundenen Zeichen und der Rhythmik von Linien. Doch hören wir den Künstler dazu selbst: “Ich male nicht nach einer sachlichen Logik. Durch meine Hand entstehen Bilder, die nicht ich geschaffen habe, sie entstehen spontan und impulsiv aus unbekannten Tiefen meines Seins“. Und an anderer Stelle: „Wenn ich mich zum Malen zurückziehe, dann denke ich nicht groß nach, vielmehr habe ich das Gefühl, dass einige Bilder einfach durch mich entstehen möchten“. Ja, Herr Stammer führt sogar aus, dass seine Bilder misslängen, wenn er sie im vornherein planen würde. Für diese Art des Schaffensprozesses, so meine ich, hat Reinhard Stammer gute Gewährsleute. Mir kam in diesem Zusammenhang die Bemerkung zweier Gründerväter der modernen Malerei in den Sinn : Picasso und Cezanne. So hat Picasso  einmal bemerkt: „Die Malerei ist stärker als ich. Sie zwingt mich zu tun was sie will“. Und an anderer Stelle: „Wenn man weiß, warum man etwas tut, warum soll man es dann noch tun. Und Cezanne, in eine ähnliche Richtung argumentierend: „Wenn ich beim Malen denke, dann ist alles verloren.“
Eine solche spontane und assoziative Malerei ist natürlich in hohem Maße emotional und spiegelt letztlich die Gefühls - und Gedankenwelt Reinhard Stammers wieder. Sie reflektiert Stimmungen wie Ängste, Hoffnungen und Zweifel des Künstlers, ja seine unterschiedlichen Lebensphasen, wie auch mit seinem Titel, den Herr Stammer für die Ausstellung „Lebensbilder“ gewählt hat, deutlich wird.

So sieht es auch Reinhard Stammer selbst. Seine Bilder seien Ausdruck seiner momentanen Stimmung und seiner Persönlichkeit. So gilt ganz besonders für Reinhard Stammer, der aus Italien stammende Satz: Jeder Maler malt sich ein Stück weit selbst. Reinhard Stammers Bilder reflektieren nicht nur seine Lebensphasen, sondern sie leben gewissermaßen selbst, nicht zuletzt aufgrund der Technik, die er bei der Bildgestaltung verwendet. Sie entdecken, wenn Sie durch die Ausstellung gehen, viele unterschiedliche Materialien wie Ölfarben, Tempera und Taschentücher. Auf manchen Bildern findet sich sogar schwarze Asphaltfarbe, die dann ganz stimmungsvoll aufreißen kann und den Blick auf andere Farben freigibt. Die Leinwände, die Reinhard Stammer bemalt, so hat Herr Lempelius es einmal ausgedrückt, müssen eine ganze Menge aushalten.
Ein abbildender Maler, hat den Titel, den er einem Bild gibt, meist schon im vornherein festgelegt.
Bei Reinhard Stammer ist das ganz anders. Das passt in dem Zusammenhang auch zu dem , was ich anfangs ausgeführt habe. Reinhard Stammer gibt seinen Bildern den Titel erst dann, wenn die Bilder fertiggestellt sind. Dabei sind sie mal kurz und nicht so selten, sehr poetisch. Und da merkt man, dass Reinhard Stammer nicht nur malt, sondern auch Gedichte schreibt, wie z.B. bei folgendem Bild: „Sie weiß alles, sie spricht nie, denn niemand würde sie verstehen“.
Reinhard Stammers Bildtitel lassen ganz bewusst Spielraum für Interpretationen und ich fand den Vorschlag, den Herr Lempelius einmal bei einer Ausstellungseröffnung gemacht hat, eigentlich sehr schön, nämlich erst die Bilder anzuschauen und dann die Titel zu lesen
Meine Damen und Herren. Reinhard Stammers eindrucksvolle Bilder, sind in freier Assoziation entstanden, damit , so meine ich, sind sie auch eine Anregung für ihre Betrachter. Eine Anregung  für den Betrachter, seinen eigenen Assoziationen freien Lauf zu lassen. Und damit liegt der Ball gewissermaßen bei Ihnen, denn Kunst entsteht ja gewissermaßen im Dialog und wie man im ersten Kunstsemester lernt: wir erschaffen ein Kunstwerk mit.

In diesem Sinne vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.