Flaschenpost 2008

Heute ging ich an meinem Lieblingsstrand auf Mallorca spazieren. Der sonst so schöne, blaue, wolkenlose Himmel, war von dicken grauen Wolken verhangen, die der Sturm kräftig fauchend vor sich her gegen die Berge blies . Dort wurden sie zusammengetrieben und entluden sich, vor Wut gegen diese Begrenzung schwarz angelaufen, gemeinsam mit Blitz und Donner . Die Wellen liefen laut brüllend weit hinauf aufs Ufer. Ich setzte mich auf einen großen Stein und lauschte dem Getöse um mich herum. Unrat, Algen und allerlei anderes Zeugs wurde in den schäumenden Wellen verwirbelt. Ich folgte dem wilden, ungeordneten Spiel, bis mir eine Flasche auffiel, die, wie aus Schaum geboren, für kurze Zeit bis ganz nach vorne aufs Ufer getragen wurde, sich für einen Wellenschlag ausruhen durfte, um dann wieder von der nächsten Welle erfasst und ins Meer gezogen wurde. Ich schaute mir dieses Spiel an, das wohl endlos so weitergehen könnte und vielleicht auch so schon endlos stattgefunden hatte. So jedenfalls sah die Flasche aus. Sie sah anders aus , als die anderen mir bekannten aus dem Supermercado. Eine andere Form. Rustikaler. Das Glas war vollkommen verblasst, Muscheln und Algen hatten sich darauf niedergelassen. Sie musste sehr alt sein. Sie erregte meine Aufmerksamkeit. Ihr Spiel in den Wellen nahm mich gefangen. War wie hypnotisiert .Ging und holte sie mir. Wurde dabei natürlich von oben bis unten durchnässt, was angesichts dessen, was ich dann entdecken durfte, ein geringer Preis war. Ihr Inhalt wurde noch von einem alten Korken, gegen das Eindringen von Wasser, geschützt. Ich entfernte ihn mit Mühe und fand darin einen Brief, einen sehr, sehr alten Brief. Das konnte ich auf den ersten Blick erkennen. Ich war so aufgeregt, dass ich den Brief noch hier, unter diesen extremen Bedingen, zu lesen versuchte und dies ist es, was ich zu Lesen bekam:

Es ist sehr, sehr lange her, dass ich das Schiff bestieg. Wenn ich es recht erinnere, war es kurz vor meinem 17ten Geburtstag. Wurde als Schiffsjunge an Bord geholt. Mein Status spielte, bei dem was folgte, aber keine Rolle, denn das Ende war für alle gleich. Ein Sturm hat uns allesamt von Bord gespült und das Schiff versank binnen Minuten. Einzig ich, so vermute ich jedenfalls, wurde auf einer Planke treibend, an ein einsames Eiland gespült . Wie sehr hatte ich mich, in der Zeit die folgte, dafür verflucht, dass ich in meiner Angst vor dem Ertrinken, dieses vorbeitreibende Stück Holz, dass ich kurz zuvor vielleicht poliert haben mag, ergriff, um mein erbärmliches Leben zu retten. War es der Dank dafür, dass ich es so hingebungsvoll bearbeitet hatte und es sich mir sozusagen anbot, mich aus dieser misslichen Lage, von hohen Wellen hin und her geworfen, um Hilfe schreiend und Wasser schluckend, zu befreien? Ich weiß es nicht. Gottes Wege sind unergründlich und ich belass es einfach bei der Feststellung: ich wurde gerettet. Aber was heißt das schon? Ein sturmgepeitschter Felsen mitten im großen Ozean. Ich bin mir sicher, dass er auch heute noch nicht auf einer Seekarte verzeichnet sein wird. Warum auch. Ist nichts da, was interessant wäre - außer man möchte hier aus Seenot gerettet werden. Doch davon rate ich ab. Ertrinkt lieber. Es gibt hier nichts. Felsen, Wasser, 5 Kokospalmen und demnächst vielleicht noch ein Skelett, dass an den Stamm der Palme gelehnt, hinaus auf die unendlichen Weiten des Ozeans schaut- so wie ich es, zu Lebzeiten, all die Jahre getan habe.
Und doch: Ich habe mich am Leben erhalten. Warum weiß ich nicht. War es angeborener Überlebensinstinkt, Feigheit, Hoffnung oder Dummheit? Ich weiß es nicht. Ich jedenfalls begann mich den neuen Lebensumständen anzupassen - um zu überleben. Zu überleben in dem sinnlosen Hoffen darauf, dass vielleicht eines Tages am Horizont ein Schiff auftaucht und mich von hier wieder zurück in mein altes Leben bringt - meinen Eltern, die mich auf dieses Schiff gebracht haben, meinen Freunden, meiner gewohnten Umgebung, dem Haus in unserer kleinen Stadt, dem Bett, dem Brot, den Kartoffeln, dem Umgang mit Menschen, dem Sprechen, dem sorglos einschlafen können, der Landschaft mit ihren Bäumen, Seen, Flüssen, Tieren, den Straßen mit ihren Fuhrwerken und all den Dingen, die darauf transportiert wurden. So unendlich viele Dinge waren es, die mir einfielen in den ersten Jahren. Meine Sehnsucht wuchs ins Unermessliche. Wenn mich nicht mein täglicher Überlebenskampf dazu gezwungen hätte, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben , so wäre ich wahnsinnig geworden oder hätte mich vielleicht doch, oder vielleicht gerade deshalb, ins Meer gestürzt - den Fischen zum Fraß. Eigentlich hätte so ja auch mein Ende aussehen sollen.
Aber dann hätte ich auch nicht diese Flaschenpost schreiben können, an der ich mittlerweile viel Spaß gefunden habe. Sie dient zu nichts, ist an niemanden adressiert und wird wahrscheinlich, nachdem sie die Meere einige Male passiert hat, wieder hier an meinem Felsen zerschellen. Ich werde dann aber nicht mehr da sein, um meine Post zu lesen. Ich schreibe sie nur um des Schreibens willen. Dies hatte ich in den wenigen Jahren meiner Jugend gelernt und hatte mich damals gefragt, wofür das gut sein solle. Nun weiß ich es. (Natürlich fragt man sich, woher ich das Schreibmaterial habe: aus einer Kiste natürlich, die mir aus der Ladung des Schoners, an die Klippen gespült wurde. Einige Lebensmittel waren auch dabei etc. )
Ich habe aber nicht genügend Papier retten können (die Feuchtigkeit zerstört hier alles), um ein Buch zu schreiben. Dies liegt auch nicht in meiner Absicht und es hätte auch in keine Flasche gepasst. Ich hatte nur, nach all den vielen Jahren des Verzichts, den Entbehrungen, der Verzweiflung und der Not, das Bedürfnis, meine Situation, wie sie heute ist, zu protokollieren.
Da ich niemanden hatte, mit dem ich mich unterhalten konnte, war ich gezwungen, mich mit mir selbst zu unterhalten. Das macht man wohl so in einer solchen Situation. Ich empfand es als ganz normal - zumal niemand da war, der sich darüber lustig machen konnte. So fing ich dann, nach einigen Monaten an, mein Tun verbal zu kommentieren. Ich beschimpfte mich auch, so ich früher meine Freunde beschimpft habe mag- vielleicht war ich sogar noch etwas ungerechter zu mir selbst, als ich es gegen sie gewesen bin . Aber auch die Selbstgespräche hörten irgendwann einmal auf. Ich verlernte das Sprechen. Mein Mund ließ sich nur noch öffnen, um das Wenige an Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen, das mir von der kleinen Insel zugeteilt wurde. Menschliche Stimmen verschwanden aus meinem Bewusstsein. Hätte ich doch noch gerettet werden sollen - kein Wort wäre über meine Lippen gekommen - vielleicht ein Schrei - ich weiß es nicht. Nach vielen, vielen Jahren wäre es wohl ein Schrei gewesen, mit dem ich all die Meeresungeheuer und Inselgeister, von denen ich mittlerweile umgeben war, um Hilfe gerufen hätte- denn ich wollte nicht mehr weg von hier. Das ist merkwürdig und ich habe diese Tatsache erst sehr spät zur Kenntnis genommen.
Es muss eine Übergangszeit gegeben haben. Ich weiß nur, dass meine Erinnerungen an mein altes Leben verblassten. Dies machte mir Sorgen, da ich annahm, dass ich nur das war, was die Vergangenheit aus mir gemacht hatte. Ein Junge eben, der über 17 Jahre lang sich in dem wiederfand, was die anderen über ihn dachten. Ich war gewissermaßen eine Reflexion meiner Mitmenschen. Tagtäglich, so erinnere ich, fand dieses Spiel statt: meine Energie gegen Eure Energie und so hat sich dann meine Persönlichkeit und mein Leben entwickelt. Mit der brutalen Energie der Naturgewalten, die dann an jenem besagten Tag über mich hereinbrach, hatte ich nicht gerechnet. Der Austausch fand dann nicht mehr statt. Ich wurde auf mich selbst zurückgeworfen. Die Naturgewalten, die Insel und ich. Natürlich wurde nun alles auf den Kopf gestellt, alles Vorherige hatte keine Bedeutung mehr. Ich befand mich nur noch im Austausch mit meiner neuen Umgebung und die war eigentlich nicht sehr umgänglich. Mir blieb nur mich anzupassen, wenn ich überleben wollte. Es war alles sehr einseitig. Eigentlich zählte ich hier gar nicht. Ob ich nun hier war oder nicht - niemand da, der sich darüber Gedanken machte. Es war nur ich da - ich ganz alleine. Niemand da, der mir sagte: das bist Du. Und das war schwer zu ertragen in den ersten Jahren. Deshalb die Selbstgespräche. Ich entwickelte einen etwas schizophrenen Charakter und ich begann mir Sorgen um meinen Gemütszustand zu machen. Aber auch das ließ nach. Eigentlich war ich wie eine der wenigen Kokospalmen, oder wie ein Stück Fels. Wir überlebten, jeder nach seiner Art und Beschaffenheit. Ja, ich sprach mit den Palmen und den Felsen und ich bekam Antworten. Antworten, die mir klar machten, dass ich hier das schwächste Glied in der Kette war. Das war schwer, denn eigentlich hatte ich gelernt, dass ich mir die Natur zum Untertan machen sollte. Nun war es andersherum. Ich war mehr wie jene kleine Krabbe, die so gerne über meine Füße lief, wenn ich an die Palme gelehnt aufs Meer hinausblickte. Anfänglich widerstrebte es mir sehr, mich mit dieser Zuordnung zufrieden zu geben, aber je mehr Widerstand ich leistete, desto brutaler wurde ich auf meinen Platz verwiesen. Es würde den Rahmen dieser kurzen Flaschenpost sprengen, wenn ich auf all die Ereignisse, die mich auf mich selbst reduzierten, zu sprechen kommen würde. Nur soviel: je weniger ich wurde, desto besser ging es mir. Hatte keine Erwartungen und keine Hoffnungen mehr. Lebte in den Tag und tat die Dinge, die getan werden mussten . Ich tat niemandem weh und mir wurde auch nicht wehgetan - so jedenfalls hatte ich meine Lage empfunden. Ich wurde zufrieden. Wie viele Jahre hat es gebraucht? Ich weiß es nicht. Ich erkenne nur an meinem Spiegelbild, das mir die See, sollte sie ausnahmsweise mal ruhig sein, zeigte, dass ich nicht mehr der bin, der ich einmal war. Ich erinnere mich an alte Menschen - damals- ja so sehe ich aus. Also hat es wohl eines ganzen Menschlebens bedurft, um an diesen Punkt der Ruhe zu kommen. Ich sitze heute nicht mehr an der Palme, um auf ein Schiff zu warten, sondern schaue hinaus auf Meer, einfach nur hinaus aufs Meer. Die Morgensonne, wenn sie nach langer, dunkler Nacht, die wenigen Schatten vertreibt . Die Möwen, wenn sie über die Wellen gleiten. Die Fische, die für einen Moment auftauchten, um mir einen schönen Tag zu wünschen. Die Abendsonne, wenn sie im Meer versinkt und der Nacht Zeit gibt die Insel in ein schwarzes Tuch zu hüllen. Der Mond, der sich immer verändernd, seine Runden zieht und das Meer und die Insel, bei klarer Sicht und voller Größer, mit goldenen Lichtkaskaden überzieht. Die Sterne, die hoch oben im dunklen Nachthimmel funkeln. Sie waren immer da, und gaben mir zu verstehen, dass es etwas konstantes, etwas ewiges im Leben geben muss. Dann sind da noch, hin und wieder, einige freundliche Meeresgeister oder Ungeheuer, wie sie damals bezeichnet wurden, die mir zuwinken, um dann sofort wieder unter der Wasseroberfläche zu verschwinden. Sie haben mich noch nicht geholt. Geben mir die Zeit, die ich brauche, um meine kleine Post zu beenden. Es ist bald soweit. Das Papier geht auch zur Neige und es ist gut so. Ich höre die Wellen wie sie sich an den Felsen brechen. Die Gischt nässt meine Haut. Der Wind streicht durch mein langes Haar und die Sonne brennt wie immer auf meine alte, vom Wind und Wetter gegerbte Haut. Ich fühle, dass ich Teil dieses kleinen Eilands geworden bin und vielleicht auch Teil des Lebens hier sein werde, wenn ich gleich abgeholt werde. Wenn dann die Flasche irgendwann einmal an einem dieser Felsen zerschlagen wird, werde ich noch hier sein in den Palmen, den Krabben, dem Sand und in den Fischen. Ich danke Euch für Euer Hiergewesensein, dafür, dass ihr mich aufgenommen habt und dafür, dass ihr mir geholfen habt, die ersten Jahre hier zu überleben. Der Wind wird stärker, die Wellen größer und ich denke, dass sich nun mein Schicksal, von Euch verschlungen zu werden, sehr verspätet, erfüllen wird. Sie laufen weit hinauf aufs Ufer. Umspülen, leise flüsternd, meine Beine und sie ziehen mich fort vom Ufer hinaus ins Meer. Ihr Rauschen erfüllt nun mein ganzes Sein. Flasche zu. Kein Adressat. Gute Reise.


Das war es was ich an diesem sturmgepeitschten Nachmittag auf meiner Insel Mallorca zu lesen bekam. Vielleicht bin ich nicht der erste, der die Flasche geöffnet hat, denn es versteht sich von selbst, den Brief wieder sorgsam in ihr zu verschließen, auf die Wellen zu legen und ihr eine Gute Reise zu wünschen :
Adressat: Kleine Insel, 5 Palmen, viele Felsen und ..
( ich blieb noch für lange Zeit, tief bewegt von dieser unglaublichen Geschichte, auf meinem kleinen Felsen sitzen. Der Sturm hatte noch an Kraft zugenommen, die Palmen bogen sich unter diesen Naturgewalten und schüttelten ihr nasses Haupt. Der Regen prasselte in Strömen aus pechschwarzen Wolken auf mich hernieder und der Donner grollte nun direkt über mir. Die Blitze schienen das Meer in Flammen setzen wollen - doch mich bewegte bald nur noch die eine Frage: Wann, zum ersten Mal, tauchte der Begriff " schizophren" in der Literatur auf. Ich werde es herausfinden.)

Mallorca 2008

 
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