Das Morgenrot
Der Wind bläst mir,
seit undenklichen Zeiten,
kräftig in die Segel.
Mit schäumendem Bug,
habe ich die Ozeane durchkämmt.
In dunkle, schwere Wolken gehüllt,
eilte ich dem Licht entgegen,
das, für Momente nur,
die Wolkendecke am Horizont zerreißend,
bei seinem Bade im Meer,
das Wasser in strahlende Diamanten zu verwandeln schien.
Seit undenklichen Zeiten,
bläst mir der Wind immer kräftiger in die Segel.
Aber dem Lichte kam ich nicht näher.
Doch wer sind jene,
die trotz Sturmes und aufgewühlter See,
mit hängendem Segel,
auf der immer gleichen Stelle dümpeln?
Es wurden immer mehr.
Anfänglich nur,
als vage, schwach umrissene Konturen
am fernsten Horizont zu erahnen,
wo selbst turmhohe Wellen
wie geglättet aussehen.
Sie kamen näher.
Sie schienen meinen,
vom Sturmwind gepeitschten Kurs
kreuzen zu wollen.
Aber das konnte nicht sein.
Ich war in Bewegung,
strebte auf sie zu
und sah deutlich:
Sie verharrten in absoluter Regungslosigkeit,
lächelnd auf der Reeling sitzend,
so, als wenn nichts um sie herum geschähe.
Da erst bemerkte ich,
dass ich mit aufgeblasenen Backen,
in die Segel blies,
den Sturm gleichsam selbst erzeugte,
bis das Blut sich mir im Kopfe staute.
Heute sitze ich lächelnd an der Reeling.
Habe mir,
den von mir selbst erzeugten Sturm,
aus den nun schlaff herunter hängenden Segeln genommen.
All die Mühsal,
all die Kraft,
war ganz umsonst, vergebens.
Ich hatte nichts erreichen können,
denn es gab nichts,
was zu erreichen war.
Wellen habe ich geschlagen
und viel Wind gemacht,
um mich dann dort zu finden,
wo ich immer war.
Hin und wieder,
sehe ich dann noch,
einen einsamen Segler
durch die Wellen kreuzen,
mit aufgeblähten Segeln,
hochrotem Kopf,
aufgeblasenen Backen
und viel Gischt vor dem Bug.
Aber die Ärmsten werden weniger-
und das Meer ruhiger.
November 1990