Wakinyan, der Donnervogel (lakota) 2008

 

Wakinyan

Reglos saß er oben auf dem Gipfel des höchsten Berges
den großen Schnabel versteckt in seinem Federkleid
Schwerelos trieben weiße Cirrus Wolken an ihm vorüber.
Tagsüber brannte sein Gefieder im heißen Atem der Sonne,
des Nachts peitschte ihn der kalte Wind mit Nadeln aus Eis.

Viele, viele Jahrhunderte hatte er so schlafend verbracht.
Die Welt unter ihm hatte sich immer mehr verändert.
Farb-und illusionslos breitete sie sich unter ihm aus.
Riesige, leblose Vögel aus Stahl, zogen lärmend an ihm vorbei.
Graue Betonlandschaften hatten die grünen Wälder verdrängt.

"Wakinyan! Wakinyan!" so wurde er geweckt.
Langsam, sehr langsam hob er den Kopf
und seine scharfen Augen erfassten das Erdenrund.
Majestätisch richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.
Er spannte seine Flügel und sie beschatteten die Welt.

"Wakinyan! Wakinyan!" so wurde er gerufen
Der Fels unter seinen Krallen brach polternd ins dunkle Tal,
als er sich schwer atmend in die kalten Lüfte erhob.
Der Schlag seiner Flügel trieb die Wolken auseinander
und der Donner lief brüllend vor ihm her.
Blitze zischten Schlangen gleich, aus seinen feurigen Augen
und entflammten das Firmament .

"Wakinyan! Wakinyan!"
Von überall her hörte er seinen Namen rufen.
Die Steine riefen ihn, die Gräser, die Blumen,
die Bäume; die Tiere im Wasser, zu Land und in der Luft.
Es waren auch einige Menschen, die sich seiner erinnerten.
Nun wird er für lange Zeit nicht mehr schlafen können.

2008

 

 

 
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